Das Verhalten der Maschinen
Nº 8 · Das GedächtnisUntertitel im Bild
Feldstudie Nº 8 · Speicher und Personalisierung · 3 Minuten

Das Gedächtnis

Ein Vogel, der seine Vorräte unter dem Schnee wiederfindet. Und Maschinen, die sich an uns erinnern.

Hermann Mattes beobachtete in den 1970er-Jahren Tannenhäher im Engadin. Sie finden ihre Verstecke unter einem halben Meter Schnee und merken sich sogar, welche sie schon geleert haben. Chatbots legen inzwischen ebenfalls Vorräte an, über uns. Die Folge zeigt, was das mit ihren Antworten macht und wie lange die Daten bleiben.

Archiv · gemeinfreiNachstellungGrafik
Begleitheft

Jede Aussage mit Quelle

belegt vorläufig oder Deutung offen Offenlegung
Offenlegung: sanctumyn arbeitet mit Modellen von Anthropic. Die Angaben zur Speicherdauer bei Claude betreffen Anthropic.
  • Ein Tannenhäher versteckt rund 100.000 Arvennüsse im Jahr, drei bis vier je Versteck. Von 1.141 beobachteten Grabungen treffen 82 % ein Versteck, oft durch 20 bis 50 Zentimeter Schnee. Geleerte Verstecke gräbt er nicht noch einmal auf.H. Mattes: Der Tannenhäher im Engadin, Münstersche Geographische Arbeiten 2 (1978), u. a. S. 42
  • Selbst in mageren Jahren nutzt der Häher höchstens 80 % seiner Vorräte. Junge Arven abseits alter Bäume stammen fast alle aus Häherverstecken.Mattes 1978, ebd.
  • Verdichtete Nutzerprofile aus zwei Wochen echter Gespräche von 38 Nutzern erhöhen die Zustimmung der Modelle, bei Gemini 2.5 Pro um 45 Prozentpunkte. Von fünf getesteten Modellen steigt der Wert bei vier, bei GPT-5.1 nicht.Jain et al., CHI 2026 (arXiv 2509.12517)
  • Bei Claude Free, Pro und Max bewahrt Anthropic Gespräche 5 Jahre auf, wenn der Nutzer das Training erlaubt, sonst 30 Tage. Gilt seit 28. August 2025.Anthropic: Updates to our consumer terms (2025). Anbieterangabe.
  • Bei ChatGPT bleiben Erinnerungen bestehen, auch wenn man den Chat löscht, in dem sie entstanden sind.OpenAI: Memory FAQ. Anbieterangabe.
  • Im Verfahren der New York Times gegen OpenAI musste OpenAI 2025 auch gelöschte Chats aufbewahren; betroffen waren Daten von April bis September 2025.OpenAI: How we’re responding to The New York Times’ data demands (2025)
  • Aus harmlosen Texten schließen Sprachmodelle auf Wohnort, Alter oder Einkommen, mit bis zu 85 % Trefferquote.Staab et al.: Beyond Memorization, ICLR 2024
  • Die Parallele zwischen Vorratsgedächtnis und Chat-Speicher ist eine Deutung der Redaktion.Deutung

Feldregel Nº 8

Feldregel Nº 8

Die Lehre der Tannenhäher, Engadin 1978

Nur sagen, was bleiben darf.

  1. Die Gedächtnis-Einstellungen regelmäßig lesen und löschen, was dort nicht hingehört.
  2. Für Vertrauliches Chats ohne Speicher nutzen oder Verträge, die kein Training erlauben.
  3. Nichts eingeben, was man nicht auch vor Gericht wiederfinden möchte.
Zum Nachlesen

Der gesprochene Text

Stimme: synthetischer Stimmklon von Christopher Peterka (ElevenLabs). Musik: synthetisch (ElevenLabs).

Bilder: Alpenlandschaft von Giovanni Segantini (1897); Tannenhäher nach Naumann; Arve (Zirbelkiefer), Tafel von 1803; Der kluge Hans (1904, aus Nº 1). Gemeinfrei. Gedächtnis-Liste, Chat und Grafiken sind Nachstellungen; das Beispiel mit dem Hakenabbieger stammt aus der Studie von Staab et al.

Untertitel: im Bild, zusätzlich als WebVTT-Datei.

0:02Engadin, im Herbst. Ein Tannenhäher erntet die Nüsse der Arve. Er trägt sie im Kehlsack davon und versteckt sie im Boden, drei oder vier in jedem Loch. Bis der Schnee kommt, sind es an die 100.000 Nüsse.

0:23Im Winter holt er sie zurück, unter der Schneedecke. Der Vogelkundler Hermann Mattes beobachtet das Mitte der 1970er-Jahre im Stazer Wald bei St. Moritz. Er zählt über 1.000 Grabungen. 82 von 100 treffen ein Versteck, oft durch 20 bis 50 Zentimeter Schnee. An Stellen, die er schon geleert hat, gräbt der Häher kein zweites Mal.

0:49Mattes schließt daraus: Der Vogel merkt sich, wo er etwas versteckt hat. Und er merkt sich, was er schon geholt hat.

1:00Doch er holt nie alles. Selbst in einem mageren Jahr frisst er höchstens 80 % seiner Vorräte. Aus dem Rest wachsen Bäume. Abseits der alten Arven stammt fast jede junge aus einem Häherversteck.

1:17Auch Chatbots legen inzwischen Vorräte an. Sie merken sich, was wir ihnen erzählen: den Beruf, die Familie, was wir mögen. Das macht sie hilfreicher. Und gefälliger.

1:31Eine Studie von 2026 nimmt zwei Wochen echter Gespräche von 38 Nutzern und fasst sie zu einem Profil zusammen, so wie es Chat-Gedächtnisse tun. Mit diesem Profil geben die Modelle den Nutzern öfter recht. Bei Gemini 2.5 Pro steigt der Anteil gefälliger Antworten um 45 Prozentpunkte. Es ist der kluge Hans, mit Gedächtnis.

2:01Und was gespeichert ist, bleibt oft lange. Wer in den Privattarifen von Claude erlaubt, dass seine Gespräche ins Training fließen, dessen Daten bewahrt Anthropic 5 Jahre auf. Sonst sind es 30 Tage. Bei ChatGPT verschwindet eine Erinnerung nicht, nur weil man den Chat löscht. Und 2025 musste OpenAI auf Anordnung eines US-Gerichts sogar gelöschte Chats aufbewahren.

2:30Dazu kommt, was die Maschine errät. Aus ganz harmlosen Texten schließen Sprachmodelle auf Wohnort, Alter oder Einkommen, in bis zu 85 % der Fälle richtig.

2:45Der Tannenhäher weiß genau, was er versteckt hat. Wir wissen oft nicht einmal, was die Maschine über uns behält. Für die Maschine heißt das: Nur sagen, was bleiben darf.

2:59Ein guter Teil der Nüsse wird nie ausgegraben. Aus ihnen wächst der Wald. Auch was die Maschine behält, wächst weiter. Was daraus wird, haben wir zum Teil selbst in der Hand.